Ich muss sagen, dass ich seit gestern insgeheim auf diesen Moment gewartet habe. Die Welt fragt sich, was Tim K. aus Winnenden zu seinem Amoklauf getrieben hat. Dabei scheint sich die Antwort auf diese Frage in vielen (alten wirren) Köpfen längst gefestigt zu haben. Wie in einem Video in Spiegel Onlines Mediathek zu sehen ist, gab heute ein Sprecher der Polizei folgendes Statement ab: “Wir haben während diesen Abends seine Computer noch sichergestellt und auch analysiert, grob analysiert, die Feinanalyse läuft aktuell, und auch daraufhin sich die typischen Spiele, die auch in das Raster eines Amokläufers passen, wie Counterstrike (…gefunden?)”.

Damit dürfte sich die Sache für viele auch schon erledigt haben.  Kein Gedanke wird an das erzieherische Defizit der Eltern oder die Tatsache dass K. anscheinend seit 2008 an Depressionen litt, sich deshalb zunächst stationär in psychiatrischer Behandlung befand und eine anschließende Therapie nicht aufnahm, verschwendet. Ebenso wenig interessiert das Faktum, dass sich im Elternhaus 15 (!!!) Schusswaffen befanden (an dieser Stelle frage ich mich ernsthaft, warum jemand auch nur 1 Waffe in seinem Haus verwahren muss???).
Stattdessen ist eine der ersten Meldungen, welche man der Presse nach dem Amoklauf entnehmen darf,  eine Ausprache von Union und Polizei gegen ein schärferes Waffenrecht. Das oben erwähnte Extrakt aus der Pressemitteilung lässt erahnen, was dem folgen wird. Wieder einmal werden sich Unionspolitiker, wie zuletzt Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann, für ein Verbot von sogenannten “Killerspielen” (wenn der Begriff nicht Populismus pur ist?!?) aussprechen und damit jegliche wissenschaftlichen Erkenntnisse der Wirkungsforschung in den Wind schlagen. Ich frage mich: Wie geht so etwas? Warum kommen diese Menschen damit durch, wenn selbst auf einer Partnerseite des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, jugendschutz.net, eindeutig statuiert wird:

“Direkte Wirkungen in dem Sinne, dass ein Spieler nach einem blutrünstigen Deathmatch mit der Pumpgun auf die Straße läuft und dort wahllos alles abschlachtet, sind nicht nachweisbar.”

und weiter

“Der in der Öffentlichkeit beliebte direkte Schluss vom Inhalt von „Killerspielen“ auf deren Wirkungen ist aber unzulässig. Der Wirkungszusammenhang zwischen Spieler und Spielen ist so komplex, dass generelle Aussagen zur Wirkung von Gewaltdarstellungen nicht gemacht werden können.” (Quelle)

Haben diese Menschen keine Berater, die ihnen diese Fakten zuteil werden lassen, bevor sie hergehen, ihre Kausalketten auf einen einzelnen Strang reduzieren und sich damit lächerlich machen? In ähnlicher Manier könnte man ein Verbot von Tischtennis verlangen…offentsichtlich war Tim K. ein großer Anhänger des Sports.

Auch wenn es in diesem Beitrag weniger um den schrecklichen Amoklauf in Winnenden, als vielmehr um auf die Reaktion darauf geht, möchte ich allen, die in Winnenden Angehörige, Kinder oder Freunde verloren haben, mein Beileid aussprechen.

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Und es geht los:

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2 Responses to “Counterstrike – the root of all evil”

Bitte, nicht schon wieder diese “Killerspiel”-Diskussion!

Natürlich ist dieser Amoklauf einfach schrecklich, aber warum haben es jetzt alle wieder auf die “Counterstrike”-Spieler abgesehen?

Ich habe dazu hier schon mal was geschrieben – allerdings auf Englisch – und werde mal auf den Post hier verlinken. Damals war die Diskussion wegen Emsdetten aufgekommen.

Wahrscheinlich muss man nun auch GZSZ verbieten, es könnte ja sein, dass Tim K. das regelmäßig geschaut hat.

Oh, oh, oh…

[...] [Update from 2009-03-12] Another killing spree happened in Germany (Winnenden), and now, the discussion about “Killergames” is on again… there is an interesting German post about this on Sebastian Vogelsang’s blog. [...]

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